"Brillenträger und andere Kopffüssler" (NZZ-Artikel 22.12.2010)

22. Dezember 2010, Neue Zürcher Zeitung

Brillenträger und andere Kopffüssler

Dietz Berings Panorama der Epoche der Intellektuellen

 

Daniel Jütte ⋅ Der Intellektuelle sei ein Lebewesen, das er in der Realität noch nie angetroffen habe, bekundete Michel Foucault in den achtziger Jahren. Hinter diesem Bonmot verbarg sich die tiefe Skepsis des französischen Denkers gegenüber der Vorstellung von einem «universellen Intellektuellen», der sich damit beschäftige, was «für alle wahr und gerecht» sei. Entschieden mehr Sympathien bekundete Foucault hingegen für den Typus des «spezifischen Intellektuellen», der – gemäss individueller Sachkenntnis – konkrete Probleme angehe. Foucaults Umprägung des Intellektuellen-Begriffs hat seither beträchtlichen Einfluss ausgeübt – aber heisst dies umgekehrt, dass die Gegenwart und, mehr noch, die Zukunft tatsächlich auf den universellen Intellektuellen verzichten kann?

Diese Frage stellt sich auch Dietz Bering in seinem Panorama «Die Epoche der Intellektuellen». Bereits der Untertitel macht klar, dass es in den Augen des Verfassers um den Stand des Intellektuellen in der Gegenwart nicht optimal bestellt ist. Das freilich galt über weite Strecken auch in der Vergangenheit, und niemand weiss dies besser als Bering, der in seinem 1978 erschienenen Buch «Die Intellektuellen. Geschichte eines Schimpfwortes» die Chronik der Anfeindungen und Vereinnahmungen entfaltete, denen Begriff und Person des Intellektuellen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausgesetzt waren. Nun also kehrt Bering, ein ausgewiesener Experte für historische Sprachwissenschaft, zu dieser Thematik zurück und richtet den Blick dabei bis in die Gegenwart.

Vorgeschaltet sind mehrere Kapitel, in denen der Verfasser, auf seine Vorarbeiten zurückgreifend, die Anfänge des Intellektuellen-Diskurses beleuchtet. Obgleich der Begriff bereits früh im 19. Jahrhundert nachweisbar ist, kann man das Jahr 1898 zu Recht als eigentliche Geburtsstunde der Figur des Intellektuellen bezeichnen: Bering weist nach, dass das Wort im Zusammenhang mit der Dreyfus-Affäre in Frankreich eine bis dato ungeahnte Verbreitung erfuhr und in dem kämpferischen Dreyfus-Verteidiger Emile Zola eine kongeniale Verkörperung fand (Stichwort: «J'accuse»). In Deutschland fasste der Begriff zunächst nur zögerlich Fuss; der Intellektuelle wurde dann aber ab dem Ende des Ersten Weltkriegs zu einem bevorzugten Feindbild unter Nationalsozialisten ebenso wie unter Marxisten.

In der NS-Ideologie vereinte der Intellektuelle fast das gesamte Spektrum der denkbaren negativen Attribute auf sich: Er galt als «undeutsch», «krank», «wurzellos», «kalt» – und vor allem als «jüdisch». Nach 1945 blieben viele dieser Assoziationen in der Bundesrepublik lange Zeit latent erhalten. Gleichwohl stellt sich, so Bering, die Begriffsgeschichte des Intellektuellen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr als eine «blosse Schimpfwortgeschichte» dar. Vielmehr sei nicht zuletzt nach den Erfahrungen der «Spiegel»-Affäre (1962) und der Studentenproteste ab 1968 der Begriff «Intellektueller» in den siebziger Jahren allmählich zu «einem wichtigen, heiss umkämpften Hochwert-Wort geworden». Zu dieser Zeit habe die «deutsche Sprach- und Bewusstseinsgeschichte den Stand der französischen von 1898 erreicht».

In den achtziger Jahren aber habe der Stern des Intellektuellen wieder zu sinken begonnen – wobei als Grabredner neben Foucault vor allem auch Jean-François Lyotard hervorgetreten sei, dessen im Zeichen der Postmoderne stehender Essay «Das Grabmal des Intellektuellen» (1983) die Idee eines universellen Subjekts – und damit auch des Intellektuellen – als Anachronismus zu entlarven suchte. Seitdem geistert die Rede vom «Tod» oder «Schweigen» der Intellektuellen durch den öffentlichen Diskurs, wie Bering akribisch dokumentiert. Überhaupt ist dieses Buch, das in der zweiten Hälfte deutlich an Fahrt aufnimmt, das Werk eines sehr belesenen Autors – oder in dessen eigenen, etwas euphemistischen Worten: «Eine signifikante Zitatenfülle darf nicht unterschritten werden.»

Die minuziöse Diskursanalyse führt mitunter zu manchen Längen im Text. Gleichwohl verdeutlicht sie einmal mehr, dass die Geschichte von Begriffen nicht im luftleeren Raum stattfindet: Denn selbst Topoi und Assoziationen, die auf den ersten Blick harmlos erscheinen mögen, können in der Realität eine brutale Wirkung entfalten. So hetzte der spätere NS-Propagandaminister Joseph Goebbels bereits 1931 gegen jenes «dekadente Hornbrillenwesen, das sich <Intellektueller> nennt». Man wird dieses Zitat mit anderen Augen sehen, wenn man weiss, was passierte, als im Jahre 1940 Mitglieder der polnischen Intelligenz für den Abtransport nach Auschwitz ausgesucht wurden. Ein polnischer Augenzeuge berichtet: «Es gab keine klaren Kriterien. Das waren oft tragisch-anekdotische Zufälle. Ein Polizist hat mit dem Finger gewinkt: Du, Brillenträger, komm.» Dietz Bering zeigt eindrücklich auf, dass dies gerade keine Zufälle waren.