So klein und schon so schlau wie Einstein - was wirklich dahintersteckt

Wieder einmal wurde ein Kind schon im Vorschulalter in Mensa aufgenommen, und wieder einmal staunen die Medien über den extrem hohen IQ des Kindes, im aktuellen Fall den IQ von 162 von Alice Amos, dem jüngsten Neumitglied von Mensa England. Klüger als Albert Einstein und klüger als Stephen Hawking sei sie, die ja beide angeblich nur 160 hatten.

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Ob sich ein Journalist wohl schon mal gewundert hat, warum es diese Wunderkinder immer nur in England gibt? Man mag es bezweifeln, da die Berichte mit schöner Regelmässigkeit immer wieder auftauchen. Was viele Redaktionen leider noch immer nicht verstanden haben, ist, dass in England eine andere IQ-Skala verwendet wird, nämlich die Cattell-Skala, welche einen Mittelwert von 100 und eine Standardabweichung von 24 besitzt. In der Schweiz, in Deutschland, Österreich und den meisten anderen Ländern wird dagegen die Wechsler-Skala mit einem Mittelwert von 100 und einer Standardabweichung von 15 verwendet. 148 auf der Cattell-Skala entsprechen 130 auf der Wechsler-Skala. Die kleine Alice hat demnach einen Wechsler-IQ von 100 + 15/24 * 62 = 138.75, also etwa 139, und ist damit kein Ausnahmegenie, sondern eine ganz normale Mensanerin. Der Median in Mensa liegt nämlich bei 135. Mit 139 liegt sie innerhalb von Mensa statistisch etwa in der Mitte der oberen Hälfte. Das ist schon relativ hoch, aber etwa ein Viertel unserer 116'000 Mitglieder ist noch intelligenter.

Albert Einstein und Stephen Hawking haben sich übrigens nie einem IQ-Test unterzogen. Ihre angeblichen Intelligenzquotienten von 160 sind daher reine Spekulation, eine urban legend, die sich seit Jahren von Zeitungsartikel zu Zeitungsartikel fortpflanzt. Möglich wäre es natürlich, dass die beiden berühmten Forscher einen IQ von 160 hatten, aber garantiert ist das keineswegs. Ab einem IQ von 120 besteht zwischen hoher Intelligenz und wissenschaftlichen oder mentalen Höchstleistungen nur noch ein schwacher Zusammenhang. Der geniale Physiknobelpreisträger Richard Feynman erzielte in einem Intelligenztest einmal einen IQ von 125. Garri Kasparov, der Schachweltmeister, erreichte im Raven Progressive Matrix Test einen IQ von 123. Wie Einstein und Hawking abgeschnitten hätten, kann man daher leider nicht sagen.