Evolution der menschlichen Intelligenz

Dass Intelligenzunterschiede zwischen Völkern existieren, gilt mittlerweile als hinreichend belegt. Ob diese aber genetischer oder lediglich kultureller Natur sind, ist eine hitzig geführte Debatte unserer Zeit. Die politisch korrekte Meinung ist hier natürlich, dass die Unterschiede aussschliesslich auf kulturelle Unterschiede zurückzuführen sind.

Meiner Meinung nach lautet die Antwort aber: Die Unterschiede sind beiderlei Natur. Alle Unterschiede sind vermutlich kulturellen Ursprungs, haben sich aber wahrscheinlich inzwischen im Genom manifestiert, sind nun also auch genetischer Natur.

Wie ein solcher Mechanismus wirken könnte, der kulturelle Unterschiede innnerhalb weniger tausend Jahre in genetische Unterschiede verwandelt, versuche ich im folgenden anhand der Steinzeit-Kulturtechnik, Tiere mit Speeren zu jagen, zu erklären.

Wie Kulturtechniken ins Genom wandern

Irgendwann in der Steinzeit kamen unsere Vorfahren auf die Idee, Speere als Wurfwaffe einzusetzen, um damit Tiere zu erlegen. Wann immer Menschen eine solche neue Kulturtechnik erfanden, wurde diese zunächst rein kulturell weitergegeben. Die Kinder von guten Speerwerfern – gut im Sinne von Zielgenauigkeit und nicht Weite – waren keineswegs automatisch selbst gute Speerwerfer, da die Fähigkeit nicht vererbt wurde, sondern erlernt werden musste.

Manche Individuuen waren aber dennoch im Vorteil (oder Nachteil): Aufgrund kleiner Unterschiede in ihrem Genom hatten sie es zum Beispiel ein klein wenig leichter als andere, eine gute Feinmotorik oder Auge-Hand-Koordination zu entwickeln und damit zu einem guten Speerwerfer zu werden. Und zumindest dieser kleine angeborene Vorteil wurde vererbt. Selbst wenn der Unterschied noch so klein war: Wenn er die Überlebenschance gegenüber den anderen nur um 1% vergrösserte, führte dies innerhalb von nur 70 Generationen - damals wohl etwa 1‘400 Jahren - dazu, dass sich der Anteil der zielgenauen Speerwerfer in der Population verdoppelte. Nach 14‘000 Jahren hatte sich ihr Anteil schon vertausendfacht. Die zielungenauen Speerwerfer waren dann praktisch ausgestorben; die durchschnittliche Fähigkeit der Population hatte sich massiv erhöht.

Auf diese Art kann eine Kulturtechnik ins Genom wandern. Eine Technik, die in einer Kultur auf einmal wichtig wird, verschafft denjenigen, die eine genetische Disposition für diese Technik besitzen, einen kleinen Selektionsvorteil. Und auch wenn die Technik selbst mühsam erlernt werden muss und ihre Beherrschung keinesfalls erblich ist: Solange es winzige genetische Unterschiede zwischen Individuen gibt, die sich beim Erlernen der Technik auswirken, schlägt innerhalb von wenigen Jahrtausenden der Effekt der Evolution trotzdem durch.

Ein Schimpanse oder Gorilla wird daher im Speerwerfen auf eine Zielscheibe niemals so gut werden wie ein Mensch, auch wenn man es ihm beibringen würde. An der nötigen Kraft fehlt es unseren Verwandten dafür zwar nicht, an der Feinmotorik und Wurfzielgenauigkeit dagegen schon. Speerwerfen auf Ziele war eben nie eine Kulturtechnik für die anderen Menschenaffen. Daher fand bei ihnen auch nie eine natürliche Selektion statt, die die ungeschickten Speerwerfer aussterben liess. Sie sind daher vermutlich noch genauso ungeschickt wie unsere Vorfahren vor 6 Millionen Jahren.

Völker, die heute noch als Jäger und Sammler leben und bei denen zielgenaues Speerwerfen immer noch eine wichtige Kulturtechnik ist, sind uns Europäern in dieser Disziplin daher nicht nur kulturell, sondern vermutlich auch genetisch leicht überlegen. Bei uns verlor das Jagen mit dem Speer nach der Entdeckung des Ackerbaus seine Wichtigkeit. Der Selektionsdruck hörte damit bei uns auf zu wirken, während er z.B. bei den Kalahari-Buschmännern oder den australischen Ureinwohnern noch 10‘000 Jahre lang weiterwirkte. Wir sind daher vermutlich heute noch genau so gute Speerwerfer wie unsere Vorfahren vor 10‘000 Jahren, während die anderen in dieser Zeit noch besser wurden. Ein Europäer, der von Geburt an in der Kalahari von Buschmännern grossgezogen würde, würde wohl im Lauf seines Lebens schon lernen, wie man Tiere mit dem Speer erlegt. Aber er würde wohl nicht ganz so gut werden wie seine Stammesgenossen – aufgrund des genetischen Unterschieds. Innerhalb einer Lebensspanne ist der Unterschied von 10‘000 Jahren nicht mehr aufzuholen.

Ich hoffe, dass kein Europäer deswegen in Depression verfällt und sich nun genetisch den Buschmännern unterlegen fühlt. Man kann es nicht ändern, so wirkt eben die Evolution.

Intelligenzunterschiede

Doch kommen wir nun auf das politisch heikle Thema der Intelligenz zurück. Handelt es sich bei Intelligenzunterschieden zwischen Völkern nun um genetische Unterschiede oder um kulturelle Unterschiede? 
Wie ich am Beispiel des Speerwerfens verdeutlichen wollte, ist diese Grenze schwer zu ziehen. Denn Unterschiede fangen nun mal oft als kulturelle Unterschiede an. Im Laufe der Jahrtausende kann ein kultureller Unterschied jedoch zu einem genetischen Unterschied werden, da er durch den Selektionsprozess der Evolution langsam, aber sicher, ins Genom wandert.

Dabei kann sowohl natürliche als auch sexuelle Selektion wirksam sein. Letztere wirkte vermutlich bei der pälaolithischen Revolution vor etwa 40‘000 – 50‘000 Jahren. Bis zu diesem Zeitpunkt unterschieden sich unsere Vorfahren in ihren Verhaltensweisen kaum von den Neandertalern. Doch dann kamen innerhalb weniger Jahrtausende neue Techniken auf: Sprache, Musik, die berühmten Höhlenmalereien. Besonders schöne Musik machen zu können oder besonders schöne Bilder malen zu können bringt nun nicht unbedingt einen direkten Vorteil in der natürlichen Selektion. Es ist jedoch denkbar, dass Individuuen, die die neuen Techniken gut beherrschten, einfach beim anderen Geschlecht beliebter waren und dadurch mehr Nachkommen bekamen. Innerhalb einiger Tausend Jahre starben dadurch durch sexuelle Selektion diejenigen aus, die nicht richtig sprechen konnten oder die musikalisch und künstlerisch gänzlich unbegabt waren.

Völker, bei denen dann abstraktes, logisches Denken zu einer wichtigen Kulturtechnik wurde - weil sie unter Umweltbedingungen gelebt haben, unter denen diese Technik eine wichtige Rolle fürs Überleben spielte, oder weil diese Technik wie Musik und Kunst einfach einen hohen sozialen Stellenwert besass - waren zu Beginn, als die Technik entwickelt wurde, darin wohl genau so „ungeschickt“ wie alle anderen Völker auch. Die neue Kulturtechnik „Abstraktes Denken“ musste mühsam erlernt werden, vererbt wurde sie leider nicht.

Mit der Zeit setzten sich jedoch die intelligenteren Individuuen durch, die genetisch disponiert waren, mit der neuen Kulturtechnik weniger Mühe zu haben, und die nun einen natürlichen oder sexuellen Selektionsvorteil in ihrer Gesellschaft besassen. Im Laufe der Jahrtausende stieg dadurch die durchschnittliche Intelligenz ihrer Population an.

Völker, bei denen das abstrakte, logische Denken keine Kulturtechnik wurde - weil diese Technik in ihrer Gesellschaft einfach nicht so wichtig war - durchliefen diesen Evolutionsprozess nicht. Ein Unterschied in der Intelligenz müsste sich dann zwischen solchen Völkern heute nachweisen lassen, ähnlich wie beim Speerwurf-Vergleich zwischen Europäern und Kalahari-Buschmännern.

Vermutlich geht der Vergleich beim abstrakten Denken zu unseren Gunsten aus, doch ähnlich wie oben hoffe ich, dass diesmal nicht die Buschmänner in Depression verfallen und sich nun genetisch den Europäern unterlegen fühlen. Ebenso sollten sich die Europäer nicht überlegen fühlen. Wir hatten nur Glück, dass unsere Vorfahren in einer Umwelt gelebt haben, in der Intelligenz ein Vorteil war. Der Unterschied ist letztendlich also doch kulturellen Ursprungs, auch wenn er sich inzwischen wohl genetisch manifestiert hat.

Wenn nun jemand einwendet „Ja, aber Intelligenz ist doch viel wichtiger als zielgenaues Speerwerfen!“, dann kann ich nur sagen: Eben deswegen ist die unsere wohl höher. Eben weil wir Intelligenz wichtiger finden, weil sie in unserer Kultur eine wichtige Rolle spielt – und das wahrscheinlich schon seit der paläolithischen Revolution vor 50‘000 Jahren – entstand der Selektionsdruck, der unsere kognitiven Fähigkeiten seitdem noch ein Stück weiter verbessert hat als bei jenen, denen diese Fähigkeiten nicht so wichtig waren.

Naturvölker von heute sehen es vermutlich anders rum. Wahrscheinlich halten diese ihre eigenen Skills für wichtiger und bemitleiden uns Narren, die zwar acht Stunden am Tag am Bildschirm komplizierte Symbole manipulieren können, aber keine Stachelschwein-Fährte von einer Löwen-Fährte unterscheiden können.